Soziologie und Politik

Reichs wichtigster Lehrer Sigmund Freud hatte ein politisches Engagement stets abgelehnt und wollte die Psychoanalyse als "apolitische" Wissenschaft verstanden wissen. Reich vertrat die Auffassung, dass die Erkenntnisse der Psychoanalyse (Reich fühlte sich bis Anfang der 30er Jahre der Psychoanalyse zugehörig) für die soziale Auseinandersetzung relevant waren, dass sie zur Verbesserung der Lebenssituation der Menschenmassen entscheidend beitragen konnten und dass deshalb eine politische Parteinahme unbedingt erforderlich sei. In dieser Phase hatte sich Reich dem marxistischen Paradigma der ökonomischen Ausbeutung der Arbeiterschaft durch die Kapitalisten als dem Grundproblem der sozialen "Misere" angeschlossen.
In der Sexualunterdrückung sah er den Mechanismus, durch den der Widerstand der Arbeiterklasse gegen die Ausbeutung gebrochen wird und in der Entdeckung dieses Mechanismus seinen Beitrag zur sozialen Theorie, die er Sexualökonomie nannte.

Beide Bewegungen und ihre Organisationen, die psychoanalytische und die sozialistische, empfanden jedoch durchaus keine Sympathie für ihren Mitstreiter Wilhelm Reich und beendeten seine Mitgliedschaft mithilfe entsprechender Intrigen.

Im Jahre 1933 hatte Reich das Buch Die Massenpsychologie des Faschismus publiziert, in der er die Gründe für den politischen Siegeszug Hitlers in Deutschland analysierte. Seine These war, dass die Arbeiterklasse emotional-strukturell nicht in der Lage sei, ihre eigenen Klasseninteressen zu vertreten, sondern "freiwillig" eine unterwürfige Haltung gegenüber dem Diktator einnähme, der ihr dafür Glanz und Gloria und damit Befeiung aus der emotionalen Misere verspräche. Diese Anschauung widerspricht zweifellos der marxistischen Sichtweise, wonach die wissenschaftliche Erkenntnis der ökonomischen Mechanismen der Ausbeutung zwangsläufig deren Veränderung herbeiführt.

Reich, der sich ursprünglich selbst politisch engagiert hatte, begann immer mehr, Politik als krankhafte Äußerung des "emotional verunglückten Menschentieres" zu sehen, als eine Kompromissbildung zwischen Freiheitsangst und Freiheitssehnsucht, wobei Reich unter Freiheit vor allem die Freiheit zu einem Leben gemäß den natürlichen sexuellen Bedürfnissen verstand. Die Analyse der Entwicklung in der Sowjetunion ergab, dass eine ursprünglich wahrhaft freiheitliche Orientierung wieder verlassen wurde und der Staat nicht, wie in der Theorie von Marx vorausgesagt, abzusterben begann, sondern wieder eine deutliche Stärkung erfuhr. "Die werktätigen Massen" hatten nicht damit begonnen, ihr Leben selbst zu organisieren. Die landwirtschaftliche und industrielle Produktion lagen danieder. Der Staat musste mit Zwangsmaßnahmen die Wirtschaft wieder in Gang bringen.

Reich folgerte, dass die Massen "freiheitsunfähig" seien. Diese Erkenntnis führte zu einem Umdenken in der gesamten politischen Theorie. Reich verließ die Anschauung, dass die herrschende Klasse von Kapitalisten das Grundübel sei zugunsten derjenigen, dass die Erkenntnis der Freiheitsunfähigkeit der Menschenmassen den wichtigsten Ansatzpunkt sozialer Veränderungen darstellt und Kern einer zukünftigen, wahrhaft freiheitlichen Politik sein müsse. Er hat keine entsprechende Organisation gegründet, um diesen Ansatz weiter zu verfolgen. Reich beschränkte sich darauf, diesen Gedanken in seinen Schriften darzustellen und zu verbreiten.